So bezahlt die Schweiz in Online-Shops

Bezahlen die Schweizerinnen und Schweizer am liebsten per Rechnung? Eine Antwort auf diese Frage und viele spannende Einblicke in den Online-Handel von Patrick Kessler, dem Präsidenten der Schweizerischen Versandhandels.

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«Wie einfach war die Welt vor 15 Jahren im Online-Handel: Kauf auf Rechnung, Vorauszahlung und manchmal noch die Kreditkarte standen als Option zur Verfügung. Heute buhlen zig Anbieter um die Gunst von Händler und Konsument. Eigentlich würde ja eine Zahlungsart reichen, meint man aus subjektiver Konsumenten-Warte behaupten zu dürfen… Die Realität ist eine andere. Mit der Etablierung von Smartphone und Co. werden die Optionen fast täglich mehr und am Schluss entscheidet der Konsument. «Der Kunde als Gott» konnte man letzthin im Spiegel lesen und in der Tat: «Gefällt» oder «gefällt nicht» ist das alleinige Erfolgskriterium eines Zahlungsmittels.

Und wie verhält sich der Konsument heute im Online-Handel?

Grade letzthin wurde ich wieder gefragt: «Ist der Schweizer Kunde wirklich ein Rechnungszahler»? Meine Standardantwort lautet: «Es kommt drauf an»! Welches Segment, welche Lebenssituation, welche Generation, welche Bestellkonstellation? Folgende Feststellung hilft, das Ganze differenziert einzuordnen: Der Schweizer Konsument benutzt seine Kreditkarte sehr wohl im Online-Handel. Er kauft im Ausland mit der Kreditkarte ein, ob in den USA, Deutschland oder China. Er bezahlt seine Reisen bei SBB, Swiss und Ebookers mit der Karte, er lädt Konzerttickets und Musik online runter und bezahlt mit Kreditkarte. Aber im Schweizer Online-Retail Handel: Da bevorzugt er die Rechnung – so sie denn angeboten wird. Noch.

Zahlungsarten im Online-Versandhandel. Quelle: GfK/VSV/Post

Wie sieht die Entwicklung aus?

Noch bezahlt der Konsument rund 80 % aller Online-Retail Einkäufe mit Rechnung, der Anteil geht aber kontinuierlich zurück. Die Kreditkarte, PayPal, Twint und bald auch die Debitkarte – (Mastercard und Visa geben die Debitkarten ab voraussichtlich 2019 für den E-Commerce-Einsatz in der Schweiz frei) – gewinnen täglich an Gewicht. Warum das noch so ist? Ganz einfach: Die Rechnung bietet im Online-Handel dem Konsumenten Sicherheit: «Ich bezahle, wenn geliefert wird». Dass dieser offensichtliche und psychologisch wichtige Vorteil zugunsten des Konsumenten auch mit anderen Zahlungsmitteln schon ansatzweise besteht – das muss der Konsument zuerst noch lernen. Womit wir noch bei einem anderen Grund für die langsame Entwicklung wären:

Liebgewonnenes wird nur langsam aufgegeben

Das mussten schon die Debit- und insbesondere Kreditkarte in der Schweiz erfahren. Es dauerte aufgrund unserer «Geld-Geheimnis DNA» viel länger als in den USA, UK, Frankreich etc. bis sich die Kreditkarte durchgesetzt hat. Die fehlende Bereitschaft die Kreditfunktion der Kreditkarte zu nutzen trug ebenfalls zu dieser Verzögerung bei.

Umsatzanteile von Zahlungsmitteln an den stationären Verkaufspunkten in der Schweiz (1990–2016). Quelle: dievolkswirtschaft.ch

 

UK Card Payments 2016. Quelle: www.theukcardsassociation.org.uk

Wo stehen wir heute?

Das allseits heraufbeschworene Mobile-Payment steckt – ganz im Gegensatz zu China – noch in den Kinderschuhen. Die bisherigen Walletlösungen von Apple, Samsung, Google etc. sind verkappte Kreditkartenzahlungen ohne bahnbrechende disruptive Technologien im Hintergrund. Die Schweizer Banken haben bis vor Kurzem versucht, proprietäre Zahlungssysteme vorwiegend für die eigene Kundschaft zu entwickeln und anzubieten, eine direkte Kontobelastung war für den Schweizer Online-Handel undenkbar. Die Verschmelzung von Twint und Paymit scheint aber nun auf der Erkenntnis aufzubauen, dass nur ein gemeinsames «offenes» Zahlungsmittel Erfolg verspricht, welches überall eingesetzt werden kann, keine neuen technologischen Barrieren aufbaut, systemübergreifend funktioniert und auf dem Bank-/Postkontobezug aufbaut. Gut Ding will Weile haben!

So erfreulich diese Erkenntnis ist, dass sich die Finanzinstitute der Schweiz zusammengerauft haben, so «traurig» sind wir Online-Händler, dass sich die Kosten des Zahlungsmittels TWINT entgegen der ursprünglichen Pläne im Bereich zwischen Debit- und Kreditkartenkommission bewegen – wir hätten halt auch gern mal ein Zahlungsmittel mit Konditionen wie beim stationären Händler. Auch hier: Gut Ding will Weile haben, wir sind zuversichtlich, dass die Digitalisierung weitere Kostensenkungen zu Gunsten des Online-Handels zulässt.

Und was passiert um uns herum?

Im EU Raum «werkeln» diverse Start Ups genau an diesem Thema: Die PSD2 der EU verlangt ab Herbst 2019 von allen europäischen Banken, den Zahlungsprovidern und Händlern den – für Schweizer unvorstellbaren – Direktkontobelastungszugriff zu gewähren. Sie können sich vorstellen, was das bedeutet: Sollte dieser Direktkontozugriff vom Kunden auch «akzeptiert» werden, dann haben wir echtes disruptives Potenzial für eine Erneuerung im elektronischen Zahlungsverkehr (online wie stationär). Und die Preise kommen ins Rutschen.

Fazit: Schweizer Lösung ist wünschenswert

Es bleibt spannend, Neues kommt (und geht auch wieder), noch hat sich kein neues mobiles Zahlungsmittel bei uns endgültig durchsetzen können. Eines wird aber die Marktführerschaft übernehmen – es wäre schön, wenn es eine echte europäische oder gar eine Schweizer Alternative zu den amerikanischen oder asiatischen Zahlungsmitteln gäbe… Denn wenn wir in den letzten Monaten eines gelernt haben: Der internationale Datenhunger ist ungestillt. Wer die Daten hat, hat bekanntlich das neue Öl. Zahlungsdaten sind Öl und irgendwie sitzt die Schweiz auch auf einem kleinen Ölvorkommen. Wir müssen bildlich gesprochen aufpassen, dass man uns dieses Öl nicht unterirdisch abpumpt.»

Patrick Kessler führt seit 2008 den VSV ASVAD Verband des Schweizerischen Versandhandels als Präsident. Seit seinem Amtsantritt ist der Verband von 80 auf über 300 Mitglieder angewachsen. Von 2000 bis 2007 hat er zuerst als CFO und danach als CEO den Quelle Versand und verschiedene zugehörige Marken in der Schweiz geführt. Er gilt als Kenner des Online-Handelsmarktes Schweiz und scheut sich nicht, mit provokativen Thesen seine Mitglieder, aber auch den stationären Handel zum Denken und Handeln anzuregen.

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