«Die Ausgangslage von TWINT ist sehr gut»

Das Silicon Valley im schönen Kalifornien – seit ein paar Monaten Simon Zwahlens neue Heimat. Der Innovator misst dort den weltweiten Puls in Sachen Finanztechnologie. Seine Einschätzungen zu TWINT, und wofür er selber die App benutzt, teilt er im Interview.

Herr Zwahlen, Sie beschäftigen sich mit den Finanzdienstleistungen der Zukunft. Wie werden wir in Zukunft bezahlen?
Eines ist sicher: Wir werden grösstenteils oder sogar komplett bargeldlos bezahlen. Bei digitalen Gütern oder Onlinekäufen werden wir vom eigentlichen Bezahlprozess gar nichts mehr mitkriegen. Dieser verschwindet in den Hintergrund. In Zukunft werden wir uns beim Bezahlen nur noch identifizieren müssen, vorerst noch aktiv. Langfristig wird aber auch dieser Schritt verschwinden, weil wir dann nur durch unsere Präsenz und unser Verhalten identifizierbar sind.

Was muss eine Mobile Payment Lösung bieten, um den Markt zu erobern – und langfristig darin zu bestehen?
Jede neue Lösung, jedes neue Produkt muss ein Problem lösen. Sei es ein bestehendes oder eines, das erst noch geschaffen wird. Oder es muss einen Nutzen generieren. Ein Beispiel: Vor Paymit und TWINT war eine Überweisung von Person zu Person in der Schweiz sehr aufwändig. Ich musste Kontonummer und Adresse austauschen und mindestens einen Tag warten bis die Transaktion ausgeführt wurde. Dasselbe im E-Commerce: Der Bezahl-Prozess mit Kreditkarte ist immer noch nicht bequem genug. Mit Paymit und TWINT wurden diese Probleme gelöst und zusätzlich sind dank TWINT neu auch Online-Zahlungen zulasten eines Bankkontos möglich. Das Bezahlen im Geschäft stellt in der Schweiz heute kein Problem dar. Das kontaktlose Bezahlen mit Karte ist bereits sehr bequem und schnell. Diese Betrachtung bezieht sich aber nur auf den Bezahlprozess. Langfristig wird Mobile Payment nur als Bestandteil eines Ökosystems, in dem ich auch sonst interagiere und Einkäufe tätige oder Dienstleistungen beziehe, überleben. Eine isolierte Bezahllösung wird keinen Erfolg haben. Es braucht Mehrwerte.

Was beobachten Sie auf dem weltweiten Markt diesbezüglich, welchen Lösungen räumen Sie gute Chancen ein?
Die erfolgreichsten Mobile Payment Lösungen in den USA sind die Mobile App von Starbucks und die Peer-to-Peer-Lösung (Geld überweisen zwischen Privatpersonen) Venmo von PayPal. Mit der Starbucks App erhalte ich gewisse Vorteile gegenüber dem analogen Kunden, in dem ich beispielsweise den Kaffee vorbestellen und beim Eintreffen direkt abholen kann. Dies vereinfacht den Prozess massgebend und spart Zeit. Venmo hingegen ist nicht nur eine Bezahl-Lösung sondern auch eine Messaging App mit einer sozialen Komponente. Die App beinhaltet einen Newsfeed, in dem ich die zu Zahlungen zugehörigen Nachrichten aller meiner Freunde sehen kann. 40% der Nutzung der App fallen auf das Chatten oder Anschauen der Nachrichten. Asien und insbesondere China sind im Bereich Mobile Payment weltweit führend. Mit AliPay oder WeChat Pay kann in China mittlerweile fast überall und auf allen Kanälen bezahlt werden. In grösseren Städten wie Hangzhou kann man komplett ohne Bargeld leben. Bezahlt wird mit dem Handy nicht nur im Geschäft, sondern auch Miete, Stromrechnung oder Krankenkasse werden per Mobile Payment bezahlt.

Wie beurteilen Sie die Chancen von TWINT?
Die Ausgangslage von TWINT ist sehr gut und vergleichbare Situationen im europäischen Raum sind zu suchen: Die Banken haben sich auf einen gemeinsamen Standard geeinigt und die grössten Retailer sowie auch eine relevante Anzahl kleiner Händler akzeptieren TWINT. Schlussendlich wird aber der Nutzer über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Deshalb ist es wichtig, dass sich TWINT nicht nur auf das Bezahlen beschränkt, sondern sich weiter öffnet, in Dritt-Applikationen integriert wird und selber ein grosses Ökosystem mit Partnern auch ausserhalb des Finanzsektors aufbaut.

Ein Blick in die Kristallkugel: Was werden die Herausforderungen der Zukunft sein, wenn es um das Bezahlen geht?
Ich glaube, für Konsumentinnen und Konsumenten wird in Zukunft einzig die Budgetkontrolle eine Herausforderung sein: Das Bezahlen wird so einfach, dass man es gar nicht mehr mitkriegt. Der Blick ins Portemonnaie und damit die Kontrolle über das verfügbare Budget, ist nicht mehr möglich. Selbstverständlich gibt es auch digitale Mechanismen, die dies simulieren, diese werden aber kaum das Bauchgefühl beim Geldausgeben ersetzen können.

Nutzen Sie selber TWINT, wenn Sie in der Schweiz sind? Und wofür?
Ja, ich nutze TWINT aktiv. Am häufigsten sende ich Geld an andere Personen. Ich überweise auch grösserer Beträge an Privatpersonen via TWINT und nutze kaum mehr Mobile Banking für solche Transaktionen. Zudem finde ich das Bezahlen im E-Commerce sehr bequem.

Das Bild zeigt ein Portrait von Simon Zwahlen.

Zur Person
Simon Zwahlen arbeitet seit fünf Jahren bei der Swisscom. Zuerst war er als Head of Innovation bei Swisscom Banking tätig, um dann als Head of Paymit die mobile Bezahllösung der Schweiz mitzugestalten. Heute repräsentiert er die Swisscom als VP of Business Development im Silicon Valley.

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